Was bleibt?
- Susann Mathis
- vor 3 Tagen
- 9 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 2 Tagen
Ausstellung Preisträgerin Reingard Glass im Hofratshaus Langenburg 22. Februar bis 12. April 2026
Die Vernissage zur Ausstellung „Was bleibt?“ mit Werken von Reingard Glass
war am Sonntag im Langenburger Hofratshaus sehr gut besucht.
Mit freundlicher Genehmigung der Südwest Presse Hohenlohe drucken wir hier den Artikel von Ralf Snurawa anlässlich der Eröffnung ab.
Die Laudatio des Kunsthistorikers Philipp Zobel dürfen wir darunter wiedergeben.

Rede zur Ausstellung „WAS BLEIBT?” von Philipp Zobel M.A.
Sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Mitglieder des Hohenloher Kunstvereins und der Werner Grund Stiftung,
sehr geehrte Familie Glass und vor allem liebe Reingard,
vor 17 Jahren im Gymnasium Weikersheim betreute Reingard Glass ihren letzten Leistungskurs, bevor sie sich freischaffend auf ihre Kunst konzentrierte. Streng konnte sie schon werden, wenn es ihr damals im Kunstsaal zu bunt zuging, das war aber selten. Solange alle emsig waren, ließ sie das eine oder andere Spirenzchen zu. So ertrug sie beispielsweise, dass wir eine ihrer persönlichen CDs kaperten, ein Album von Eric Clapton, und wöchentlich zum Ende des Kurses abspielten. Ein Lied davon war die unplugged-Version von Layla. Höre ich dieses Lied heute, stehe ich gedanklich noch immer im Saal und wasche Farbe aus Pinseln. Der Liedtext aber handelt von unerwiderter Liebe und der Verzweiflung, die diese auslöst. Layla istClaptons Version der über ein Jahrtausend alte Geschichte von Layla und Madschnun, was auf Arabisch »der Besessene« heißt, besessen von seiner unerfüllten Liebe zu Layla. Clapton erkannte seine eigene, emotionale Situation 1970 in dieser uralten Erzählung und verwandelte sie in eines seiner erfolgreichsten Lieder. Zugleich ist das Gefühl, von Liebeskummer an die Grenzen gebracht zu werden, fast jedem Menschen bekannt. Storytelling, das Erzählen von Geschichten, öffnet dem Publikum die Möglichkeit, sich selbst und eigene Erlebnisse in etwas erkennen zu können. Storytelling kann eine Erzählung des 7. Jahrhunderts sein, kann ein Lied von 1970 oder ein Gemälde sein. In den nächsten Minuten will ich darüber sprechen, wie ich Reingard Glass Arbeiten mit storytelling zusammenbringe. Ich habe heute das große Vergnügen, einige Gedanken zur Ausstellung WAS BLEIBT? mit Ihnen teilen zu dürfen, die Reingard Glass als Trägerin des HohenloherKunstpreises Werner Grund 2025 organisierte. In fünf akribisch durchdachten und geplanten Szenen führst Du uns mit knapp 50 Werken durch Dein Schaffen der letzten Jahre. Am prominentesten ist sicherlich die titelgebende Serie, aus der wir auch hier im Raum einige Werke um uns haben.
WAS BLEIBT?
All Caps, alles in Großbuchstaben. Der Titel vermittelt dadurch Dringlichkeit, wer mit dem Internet und Messengerdiensten aufwuchs, würde es als Lautstärke interpretieren.
WAS BLEIBT? – Es geht also um etwas, das ist und nicht vergeht. Oder etwa nicht? Es ist in Frage gestellt – es, das Subjekt vor dem Fragezeichen, ist offen gelassen, unbenannt, das WAS wird nicht geklärt. Zwei Gedanken rücken inden Fokus: Das Fragezeichen leitet unser nicht nur zu dem, was vielleicht bleiben wird, sondern vergegenwärtigt auch das, was vergeht, was nicht bleibt. Ausstellungs- und Serientitel, bis auf zwei Ausnahmen teilen genau diese gewollte Unbestimmtheit: Sie markieren etwas, das vermeintlich nicht geklärt wird. Die Frage ist nicht: WER bleibt? oder WEM bleibt ETWAS? Titel wie UMBRUCH – wessen Umbruch? Was verändert sich denn schlagartig? – oder Anflug, Aufbruch, Flugversuche, Traum, Wandlung und Wechselspiel – wer fliegt oder wozwischen wird gespielt – diese Titel, sie öffnen Gedankenräume, sie öffnen ein Spannungsfeld, genauso, wie die Werke selbst.
Mich persönlich fasziniert bei Reingard Glass‘ Bildern diese Spannung zwischen ihnen und uns Betrachter*innen, die wir auf ihre Formen, Flächen, Schichten, Risse und Schnitte, Kreidezügen und Papierkontrasten blicken. Wer sich auf die äußerst reduzierten Mittel der Werke einlässt, kann dieses visuelle Spannungsfeld zwischen Hell und Dunkel oder entlang von Form gewordenen Gesten ausloten und starteteinen sehr individuellen Dialog. Mal ist es die Andeutung von Farbigkeit, die einen Gedanken anstößt: zwischen schwarzem Ton-, naturfarbenem Makulatur- oder weißem Japanpapier, selten tatsächlich Farbe; dann ist es eine Ahnung von Form, die Assoziationen auslöst – ob eine scharfe Gerade, eine organische Fläche oder extrem selten ein konkretes Motiv wie Vogelflügel und Federn, in die wir etwas hineinprojizieren können; und weiter sind es Spuren von Reingard Glass‘ Arbeitsprozess der Collage und Décollage, die unsere Blicke ziehen: Wenn eine weitere Papierschicht die Fortsetzung von etwas verdeckt, das unsereAufmerksamkeit zuallererst erregt hat oder wir eine Risskante und eine Klebespur als ein Fehlen, ein Nicht-Mehr-Da-Sein erkennen. Andeutung, Ahnung, Assoziation, Spur und Nicht-Mehr-Da-Sein: mit meinerWortwahl deute ich freilich bereits an, dass ich auf etwas Unabgeschlossenes, etwas Fragmenthaftes hinaus möchte, das eine Spannung auslöst.
Ich meine hier das Fragezeichen hinter dem Titel ebenso, wie die Offenheit der Werksbenennungen. Vor allem aber meine ich die in ihrer ausgefeilten Reduktion schlicht scheinenden Kompositionen, die Flächen und Formandeutungen sowie die Arbeitsspuren, die auf etwas verweisen, etwas, das vielleicht nicht mehr sichtbar ist oder das noch nicht ins Blickfeld gerückt ist oder das amorph vor unseren Augen steht und erst durch unsere Vorstellung ergänzt wird. Dies alles aktiviert unsere Vorstellungskraft und lässt Momente des storytelling entstehen.
Lassen Sie mich konkretisieren, was ich meine. Hier an der Wand hängt AUFBRUCH, die oberen zwei Drittel hell gestaltet, das untere schwarz. Eine solide schwarze Fläche stabilisiert die Komposition unten und wird größtenteils scharf vom weiß gestalteten Bereich oben abgegrenzt. Größtenteils, weil Spuren von hellemJapanpapier rechts die solide Fläche aufbrechen, bereits unsere Vorstellung aktivieren können: Schauen wir auf ein ungegenständliches Relief? Ist da nicht tatsächlich etwas landschaftliches zu sehen, ein Hügelkamm oder eine Küste mit vorgelagerten Inseln? Wird damit die scharfe Grenze von Dunkel zu hell zu einemHorizont?
Im oberen hellen Bereich setzt dasselbe Spiel in unterschiedlichen Facetten ein. Genauso, wie das schwarze Drittel als Rechteck scheint, das es nicht ist, haben wir die hellste Fläche vor uns, die unsere Wahrnehmung zu einem Quadrat macht. Ich sage das so kompliziert, weil da kein Quadrat ist – dunklere Kleb- und Papierspuren verwischen die Form, die dunklen Striche, die nur dem Schein nach eine Kontur sind, sie brechen allenthalben ab, verschwinden, werden durchbrochen. Am deutlichsten brechen drei Gebilde in das Quadrat unserer Wahrnehmung ein, teils durch hellgrau- bräunliche Papiere, teils durch an- und abschwellende Linien wie mit Konturen gefasst. Was diese drei Gebilde sind?
Der Titel hilft uns nicht bei der Klärung: AUFBRUCH, etwas bricht auf – wer oder was, woher oder wohin, das bleibt offen. Wer möchte, kann in den Werken mit dem Titel »WECHSELSPIEL«, zwei Räume weiter, im einzigen gegenständlichen Motiv der Vogelflügel, einen Hinweis sehen. Ich gebe mich hier mit der Bezeichnung »Gebilde« zufrieden, oder besser Fragmente, die uns etwas anzeigen, das erst in unserer Vorstellung zu etwas Bestimmten wird, beispielsweise drei flatternde Vögel. Vielleicht geht es Ihnen aber auch wie mir, der Winterwetter nicht ausstehen kann und sich nach dem Sommer sehnt, womit die Fragmente zu drei wild um einen kleinen Pool geworfenen Handtücher werden können – dann wäre der Aufbruch bereits passiert – oder Sie haben ganz andere Assoziationen mit dem Werk. Und wir sind bereits mitten im storytelling: Durch die Reduktion konzentriert, regen visuelle Fragmente unsere Vorstellungskraft an, lässt uns unsere individuelle Wahrnehmung etwas erkennen, das ein Erzählmoment schafft – drei Vögel, die in die hellste Fläche aufbrechen oder der Sommertag am Pool, der von einem hastigen Aufbruch beendet wurde. Wer aufbricht, wohin es geht, was der Aufbruch ist – das ist unserer Vorstellung überlassen, erzählt zu werden. In einem Vorbereitungsgespräch mit Reingard wurde mir dieser Aspekt des storytellings immer deutlicher: Ihre Arbeiten regen Erzählmomente an, sollen diese anregen – natürlich keine fertigen, keine ausformulierten Geschichten, sondern Fragmente befeuern unsere Vorstellung, lassen das storytelling zwischen Werk und Betrachter*innen entstehen. Sie regen uns dazu an, etwas zu erkennen, unsereStimmungen und Gedanken in sie hinein zu projizieren.
Aber habe ich hier vielleicht zu sehr meine eigene Kunsterzieherin vor Augen, die uns immer möglichst vielFreiheit lassen wollte? Die uns manchmal bis zur Verzweiflung trieb, weil sie uns nicht sagte, was wir tun sollten, sondern uns aufforderte, unsere eigenen Ideen einzubringen und umzusetzen?
Nein, habe ich nicht. Es gibt einen Hinweis, geradezu eine Aufforderung, die Reingard Glass an uns alle richtet. Es gibt eine Werkserie, die – Reingard kennt meine Reaktion und ich denke, ich darf das hier offenlegen – bei mir direkt Beklemmungen auslöst. Die Serie arbeitet, anders als fast alle anderen Werke hier,tatsächlich mit einer Farbe, einem rostrot-braun-orangestichigen Ton, der auf mich giftig, geradezu ätzend wirkt. Ich formuliere dies hier so deutlich, weil individuell auch unangenehme oder aufwühlende Vorstellungen auftreten können. Nur, um hier kurz daran zu erinnern: Ich begann damit, über Eric Claptons Lied Layla zu sprechen, über unerfüllte Liebe und wahnsinnig machenden Kummer. Die Serie, die mich unschön triggert, sie trägt aber einen aufschlussreichen Titel: IMAGINE.
Imagine, auf Englisch „Stell Dir vor“, zurückgehend aufs Lateinische: imaginare heißt, sich ein inneres Bild zu formen, sich etwas vorzustellen. Im Deutschen nutzen wir aus derselben Herkunft das Wort Imagination, die Einbildungskraft oder bildhafte Fantasie, oder beschreiben etwas als imaginär, also nur dem Bild nach vorhanden, der Vorstellungswelt zugehörig. Während hier im Raum die Werke hell sind, lichte Imaginationen anregen, uns vielleicht eher zu leichten, freudigen Vorstellungen bringen, so haben wir in den vorderen Räumen eher dunkle, vielleicht als düster aufzufassende Impulse, bei denen manches Gebilde eher undurchdringlichen Mauern oder furchteinflößenden Krallen gleicht. Und eben die Serie IMAGINE, die bei mir etwas Bedrohliches, vielleicht Gefährliches gar evoziert. Mit Bedacht habe ich zu Beginn gesagt, Reingard Glass habe fünf Szenen erschaffen: Fünfmal ähneln sich die storytelling - Fragmente in den Werken, wird eine gewisse emotionale Gestimmtheit angespielt, etwas sehr persönliches: Während ich auf die rotbraun-orangestichige IMAGINE-Serie aufgewühlt reagiere, könnten dieselben Werke jemand anderen positiv stimmen, beispielsweise, wenn jemandes Lieblingsfarbe involviert wäre. Das gehört für mich zu den absolut großartigen Leistungen von Reingard Glass Werken, sich nicht auf eine bestimmte Bedeutung festlegen zulassen, sondern individuell für jede und jeden potenziell andere Erzählmomente bereitzuhalten.
Ich hatte das – wie ich finde – Privileg, mit Reingard Glass mein Kunstabitur ablegen zu dürfen, bevor sie das Gymnasium Weikersheim verließ. Als es darum ging, wie es für mich nach der Schule weiter gehen sollte, hatte meine liebe Kunsterzieherin einen sehr direkten Hinweis für mich: Das mit der Praxis, da sähe sie bei mir keine Chancen. Aber in historisch-theoretische Sitzungen sei ich doch gut gewesen, vielleicht läge mir das Kunstgeschichtsstudium? Sie hatte sehr recht, sodass ich heute nicht nur als ehemaliger Schüler, sondern auch als promovierter Kunsthistoriker vor Ihnen stehe. Uns Kunsthistoriker*innen ist gemeinsam, dass wirgerne Zusammenhänge aus der Geschichte herauskramen, um etwas zu erklären. Das möchte ich abschließend auch tun, weil es mir erlaubt, noch einen weiteren Aspekt zu meinen storytelling-Gedanken hinzuzufügen.
Reingard Glass arbeitet ja mit den Techniken der Collage, also dem Kombinieren und Hinzufügen neuer Papiere und Schichten, sowie der Décollage, sie entfernt also auch bereits aufgebrachte Schichten oder gezielte Bereiche. Jedes Werk ist somit das Ergebnis einer Mischung aus hinzufügen und entfernen. Während die Collage bereits in den 1910er Jahren zu einem anerkannten Verfahren wurde, trat die Décollage erst später, nach dem Zweiten Weltkrieg, auf. Genauer, bei Künstlern um den früh verstorbenen Yves Klein in Paris, die sich 1960 zur Gruppe Nouveau Réalisme oder zu Deutsch »Neuer Realismus« zusammenfanden. Darunter waren Raymond Hains, Jacques de la Villeglé und François Dufrêne, die im öffentlichen Raum Plakate abrissen, diese übereinander klebten und sie wieder décollagierten, womit Durchmischungen, Durchblicke und Rekombinationen zwischen den verschiedenen Plakatschichten entstanden. Der theoretische Kopf des neuen Realismus war Pierre Restany, der die Arbeitsweise der gesamten Gruppe beschrieb als ein »poetisches Recycling der Realität von Stadt, Industrie und Werbung«. Poetisches Recycling, also eine freie, assoziative und kreative Rekombination vorgefundener Dinge.
Der Bezug der »neuen Realisten« war dabei die urbane und kapitalistische Nachkriegsrealität, die Lebensumstände und Bedingungen der Zeit. Aus Plakaten, vorgefundenem Werbematerial, arbeiteten sie eine durch die Werbung verdeckte Ästhetik heraus, eine visuelle Poesie jenseits der Werbezwecke. Nun arbeitet Reingard Glass natürlich nicht in den 1960er Jahren, sondern jetzt und heute, und von Plakaten ist nichts zu sehen. Ich bin somit vielmehr auf die technische Ebene konzentriert, was collagieren und wieder teilweise abnehmen bedeuten kann. Décollage somit als poetische Interaktion: Schicht um Schicht, Aufschichtung um Abnahme, Überformung um Freilegung wird unsere Imagination gelenkt, wird unsere Vorstellungskraft immer stärker aktiviert. Das, was ich etwas technisch als storytelling bezeichne, ließe sich damit auch als visuelle Poesie ansehen, weswegen ich von Erzählmomenten spreche.
Ich kann mich aber nicht davon frei machen, auch auf den zweiten Aspekt zu schauen, die poetische Interaktion mit der Realität. Letztlich heißen Ausstellung und eine stark vertretene Serie: WAS BLEIBT?Kontinuität und Veränderung, Bewahren und Überkommen – es ist eine große Frage, die da zweisilbig daherkommt. Es geht hier auch um das Große im Kleinen, um unsere Erzählungen, Vorstellungen und Emotionen in einer Welt im Umbruch, in der es scheint, als blieben nicht viele Gewissheiten übrig. Auch das liegt in den Arbeiten, die großen Themen unserer Gegenwart, sie sind hintergründig in die Werke eingeflossen, nicht direkt und offen, sondern als eine Schicht unter den Papierschichten. Offen sichtbar wird dies nicht, kann es gar nicht, würde damit doch das Fragmenthafte in einer, in nur einer und auch einer festgelegten Erzählung aufgelöst, verschwände, brächte das storytelling zum Schweigen. Ich möchte Ihnen aber für Ihren Gang durch die fünf akribisch vorbereiteten Szenen von WAS BLEIBT? mitgeben, dass Sie Ihre Imagination nicht beschränken sollten, auch die großen Veränderungen rahmen die persönlichen Vorstellungen, tragen bei zu dunklen Andeutungen und hellen Assoziationen, Vogelfedern und Fragmenten. Um uns ist eine starke Ausstellung, die zu Imaginationen anregt und darauf wartet, mit unterschiedlichen Erzählmomenten erkundet zu werden.



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