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Bildwechsel 05

  • Susann Mathis
  • vor 2 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit


Wo sind die Wiesenblumen hin?

Der Bildwechsel 05 war ein schöner, gut besuchter und inhaltlich anregender Abend. Die aktuell ausgewählte Arbeit von Werner Grund stellte in den Mittelpunkt eine Frage, die auf den ersten Blick einfach klingt, tatsächlich aber weit über die Botanik hinausweist: Wo sind die Wiesenblumen hin?

Maßgeblich geprägt wurde der Abend durch den Referenten PD Dr. Mike Thiv, Privatdozent und Abteilungsleiter Botanik am Staatlichen Naturkundemuseum Stuttgart. Mit großer Klarheit und zugleich sehr anschaulich zeigte er, wie stark sich unsere Wiesen, Wegränder und damit das Erscheinungsbild der Landschaft in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben.

 

Zu den auffälligen Entwicklungen gehört die Zunahme heimischer Arten, die stickstoffreiche oder warme Bedingungen bevorzugen. Auch Neophyten breiten sich zunehmend aus. Das sind Pflanzenarten, die ursprünglich nicht hier heimisch waren.

Zugleich nehmen heimische, mittelhäufige Arten ab. Besonders betroffen sind konkurrenzschwache Arten, die auf stabile und wenig belastete Standorte angewiesen sind. 

Für die Zukunft zeichnen sich deutliche Trends ab: Der Einfluss von Stickstoffeinträgen in die Landwirtschaft bleibt groß. Heimische, seltenere und konkurrenzschwache Arten dürften weiter unter Druck geraten. Gräser nehmen vielerorts stärker zu als insektenbestäubte Pflanzen. Neophyten werden in manchen Lebensräumen noch präsenter werden, darunter zum Teil auch lorbeerblättrige Arten. Teilweise ist ein Trend zu artenärmeren Pflanzengemeinschaften zu beobachten. 

 

Vor diesem Hintergrund lohnt sich der Blick auf die Arbeiten von Werner Grund. Seine Blumenwiesen sind keine botanischen Bestandsaufnahmen. Sie dokumentieren keine einzelnen Arten, doch sie zeigen Wiese als einen dichten, lebendigen, farblich vibrierenden Raum. Grunds Wiesenbilder zeigen eine Fülle, die uns nicht mehr selbstverständlich ist. Die Wiesenbilder öffnen nicht nur den Blick auf ein künstlerisches Thema, sondern auch auf einen Verlust, der unsere Wahrnehmung von Landschaft verändert. Zu sehen noch bis 10. Juni 26 im Hofratshaus Mehr dazu

So verband Bildwechsel 05 Naturbeobachtung, Gegenwartsdiagnose und Kunstbetrachtung. Die Frage „Wo sind die Wiesenblumen hin?“ führte dabei nicht von der Kunst weg, sondern mitten hinein in sie.

 

Mitmachen beim Kartieren?

Wer selbst Pflanzen beobachtet und Veränderungen in der Flora nicht nur wahrnehmen, sondern auch dokumentieren möchte, kann an floristischen Kartierungen mitwirken. 

Weitere Informationen: www.flora.naturkundemuseum-bw.de

Neue Apps zur Kartierung sind außerdem in Vorbereitung.​


Mehr zur Blumenwiese

Werner Grund · Blumenwiese · 100 x 80 cm · Acryl auf Leinwand · 1971


In den 1970er und 1980er Jahren kehrt Grund immer wieder zum Motiv, zum Thema „Blumenwiese“ zurück. Und er stellt sie auf seine ganz besondere Art dar. 

In seinen Wiesenbildern gibt es fast keinen Himmel. Allenfalls ein schmaler Streifen deutet den Horizont an, aber ohne eigenen Ausdruck. Hier speziell bei dieser Arbeit gehen Himmel und Erde sogar ineinander über, an den Seiten und unten wird der blaue Farbstreifen fast zum Ornament.

Der umlaufende, weiß belassene Malgrund bildet eine Reservezone: Er trennt das vibrierende Bildfeld von der Außenkante, stabilisiert die Farbwirkung – fast wie ein Weißabgleich – und markiert das Bild als „Fenster“ in eine potenziell unendliche Fläche. Innen ein Stück Landschaft, in dem die Schönheit der Blüten herrscht.

In einem Katalog meint man zunächst auch andere Blumenwiesen zu entdecken, die klassisch in den Rahmen gebannt sind und an der Kante enden. Aber ein Blick auf die Original-Dias zeigt: Das ist ein Layout-Problem. Im Katalog wurde oft nicht die ganze Leinwand abgebildet, sondern nur ein Ausschnitt. 

Das zeigt: Grund weiß, wie immer, genau was er tut; Jede konventionelle Einrahmung, die in das Bildfeld hineinragt, würde diese Wirkung massiv verändern. Grund definiert daher eine andere Fläche. Seine Wiesen enden nicht an den harten Kanten, er lässt sie vielmehr zart ausduften.

Manfred Wankmüller, damals Chefredakteur des Hohenloher Tagblatts, sprach vom „von innen her erfüllten Rechteck einer Blumenwiese“. 

Barbara Riederer-Groh wiederum beschreibt im Kunsthandel solche Bilder als „Unendlichkeitslandschaften“. Schon der Titel ihres Artikels benennt die Erfahrung der Betrachtenden sehr genau: „Die Unersättlichkeit des Auges“.

Die Blüten selbst sind nur angedeutet. Doch für unser Auge enthalten diese Farbflecken sofort botanische Informationen: Gelb wird zu Hahnenfuß oder Löwenzahn, Weiß zu Margeriten oder wilden Möhren, Blau und Violett zu Wiesen-Salbei, Glockenblumen oder Rotklee.

Und noch einmal Wankmüller: Grund male „… ebenso gern Feldblumen, die noch – und in diesem Noch steckt ein Stück Resignation – auf den zu immer mehr Ertrag gezwungenen Wiesen wachsen.“

 
 
 

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