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BILDWECHSEL 07

Susann Mathis
vor 1 Tag
3 Min. Lesezeit


Lago Maggiore von Werner Grund, 1977


Liebe Gäste,


Bildwechsel 07 beginnt mit einem Freund von Werner Grund, mit einem kleinen Ferienhaus am Lago Maggiore – mit langen italienischen Festessen und mit ausgedehnten Wanderungen. Der Freund hieß Hermann Goppelt.


Hermann Goppelt, Jahrgang 1919 (wie Grund), war Studienkollege an der Akademie und lebenslanger Freund. Goppelt ist mittlerweile in Vergessenheit geraten. Aber ganz aktuell ist in Freudenstadt bei Baumfäll-Arbeiten eine Kunst am Bau-Arbeit wieder entdeckt worden. Details


Jener Hermann Goppelt besaß ein kleines, bescheidenes Ferienhäuschen am Lago Maggiore, in Italien, direkt hinter der schweizer Grenze, oberhalb von Cannobio / Cannero. 

Goppelt hat dort in der Gegend die Bilder eines Kreuzweges gestaltet und war deswegen zu lokaler Prominenz gelangt. Das hat sich nicht nur bei Trattoria-Besuchen als äußerst vorteilhaft erwiesen. Goppelt und seine Freunde waren immer wieder Ehren-Gäste bei den Feierlichkeiten zu Heiligenverehrung. Der eher asketisch veranlagte Werner Grund war sehr erstaunt über die stundenlang anhaltenden Festessen, bei denen Maestro Goppelt der Ehrengast war.


Dort, bei einem der häufigen Besuche bei Anneliese und Hermann Goppelt ist auch das Bild, das wir heute sehen, entstanden. Vermutlich handelt es sich bei der Kirche um die „Chiesa Parrocchiale di S. Maurizio“ bei Cannero.

Eine relativ kompakte Kirche, der danebenstehende schlanke, quadratische Campanile, die angedeutete Durchsicht durch den Glockenturm und die Lage hoch über dem See. Fotos


Was sehen wir?

Wir haben frühen Abend, die Sonne geht unter.

  • oben sehen wir den in den Schatten geratene Hang des Monte Carza, der in den See stürzt.

  • Mitte/links sehen wir Viggiona – den noch vom Abendlicht vergoldeten Ort

  • rechts den Lago Maggiore

  • und im Übergang eben dieses San Maurizio mit seinem Campanile.


Und was sehen wir noch?

Wenn wir mit zwei „Diagonalen“ die Farbflächen voneinander trennen, steht der Kirchturm etwa im Schnittpunkt der beiden Diagonalen. Er ist einerseits Motiv, aber er markiert auch den Punkt, an dem die verschiedenen Farbräume aufeinandertreffen. Er ist ein Gelenk. Grund übersetzt hier eine reale[1] TopografieBerg, Ort, See und Abendlicht – in eine Komposition aus großen Farbräumen. Und die sind auch ziemlich aufgeräumt:


Das Licht baut hier die Spannung auf  

Die warme, fast erdige Helligkeit links steht gegen das kalte Blau rechts und das schwere Violett oben.

Wir sehen überhaupt viel blau in diesem Bild. Das Blau ist nicht beruhigend gemeint.

Zum Beispiel kann man das hellere Blau, also das rechte durch die Diagonale abgetrennte Dreieck, sowohl als Wasseroberfläche sehen, aber dadurch, dass die Malstruktur mit ihren Schichtungen, Verdichtungen und Aufbrüchen ein Eigenleben führt, kann das auch genauso als eine farbflächige Malerei, ein Element eines abstrakten Bildes gelesen werden.

Auch das baut Spannung auf: Die Farbe bezeichnet den See und verweigert zugleich, vollständig „See“ zu sein. Man sieht z.B. auch keine räumliche Tiefe. Diese hinein zu sehen, überlässt Grund vollständig unseren Augen.

Dasselbe gilt für den dunklen oberen Bereich. Man kann darin den bereits verschatteten Berg erkennen. Aber als reine Malerei ist er zugleich eine gewaltige violette Masse, die das Bildgewicht nach oben verschiebt. Dadurch entsteht die Spannung zwischen dem schweren Dunkel oben und dem leuchtenden Blau unten rechts.


Das Gegenständliche ist der Ausgangspunkt

Die Prämisse dieser Grund-Bilder könnte man in etwa so formulieren: Warum sollte man etwas malen, wenn die Malerei nicht auch ohne das erkennbare Objekt funktionieren würde?

Das Gegenständliche als Ausgangspunkt. Ein See muss nicht nur als See funktionieren, ein Berg nicht nur als Berg, eine Kirche nicht nur als Kirche. Das Motiv muss sich in Malerei übersetzen lassen – und die Malerei muss auch dann bestehen können, wenn die gegenständliche Lesart wegfällt. Man muss den Lago Maggiore nicht erkennen, damit das Bild funktioniert. Die Qualität des Bildes entscheidet sich in Farbe, Form, Komposition, Rhythmus, Materialität und Oberfläche.


Der Kampf gegen die Klischees

Der Philosoph Gilles Deleuze sagt, Der Maler muss immer wieder den Kampf gegen die Klischees aufnehmen – gegen die kollektiven und gegen die inneren Klischees. So betrachtet arbeitet Grund beim Lago Maggiore in einem Hochrisikobereich.

 



[1] Die Topografie liefert die Struktur, aber die Farbe emanzipiert sich von ihr.

[2] (Vielleicht gibt es inzwischen wieder neue kleine Blumenwiesen, falls unsere Tütchen gut verstreut wurden ;-))

 
 
 

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