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Bildwechsel 06

  • Susann Mathis
  • 17. Juni
  • 6 Min. Lesezeit

Alfred Jahnel: „Heller Durchblick“ im Hofratshaus Langenburg


Seit dem 12. Juni ist im Hofratshaus Langenburg eine neue Arbeit zu sehen: Werner Grunds Blumenwiese ist wieder auf dem Weg zurück an ihren angestammten Ort, an ihre Stelle tritt nun Alfred Jahnels Heller Durchblick aus dem Jahr 1964. Die Präsentation ist bis zum 16. September 2026 zu sehen.


Alfred Jahnel war ein Freund und Weggefährte Werner Grunds. Zur Eröffnung waren seine Tochter Naïla Jahnel-Vedel und ihr Mann François angereist. Naïla Jahnel-Vedel sprach über das Leben ihres Vaters, der 1926 im Sudetenland als Sohn einer Bauernfamilie geboren wurde, mit nur 17 Jahren in den Zweiten Weltkrieg eingezogen wurde und dort seinen rechten Arm verlor. Als Künstler und Kunsterzieher baute er sich später in Schwäbisch Hall ein neues Leben auf.


Claudia Scheller-Schach ordnete Jahnels Arbeit kunsthistorisch ein. Mit freundlicher Genehmigung veröffentlichen wir ihre Rede hier.


Alfred Jahnel, Heller Durchblick - an der Bildwechsel-Wand im Hofratshaus
Alfred Jahnel, Heller Durchblick - an der Bildwechsel-Wand im Hofratshaus

Claudia Scheller Schach zu Alfred Jahnel


Guten Abend, liebe Freunde und Freundinnen der Kunst!

Vielen Dank an die Werner Grund Stiftung für das Format Bildwechsel, heute Bildwechsel Nr. 6 mit Alfred Jahnels Heller Durchblick von 1964.

Vielen Dank, Susann Mathis, für die Einladung an mich, das „neue“ Bild einzuordnen und danke, dass ihr für die Dauer der Ausstellung euch von dem Gemälde trennt.



Mit Alfred Jahnel begegnen wir einem Freund und Weggefährten von Werner Grund.  Sicher tauschten sie sich aus über ihre künstlerischen Wege, ihre Suche nach einer zeitgemäßen Bildsprache. In beider Werk spielt die Landschaft eine Rolle und das Erleben der Natur, beide Künstler loten dabei unterschiedliche Grade zwischen dem abbildlichen und abstrahierten Malen aus. 

Das zuletzt hier gezeigte Bild von Werner Grund etwa, mit dem Allover der Farbflecken, konnte als Spielart der gestischen Abstraktion gelesen werden. Zugleich nahmen die Farben als Landschaftsmotiv Gestalt an und wurden zum heiteren Bild einer lichterfüllten Blumenwiese.

Was für ein Kontrast nun:

Das Bild von Alfred Jahnel aus dem Jahr 1964 - genau seit diesem Jahr gehörte der Künstler übrigens dem Hohenloher Kunstverein an – gehört zu jener Werkgruppe, in der sich Jahnel von einer gegenständlichen Darstellung weit entfernt hat und stattdessen mit Farbe, Struktur, Licht und Raum arbeitet.

Der Titel Heller Durchblick scheint zunächst einfach, ja fast poetisch. Doch wenn wir das Bild betrachten fällt zunächst auf: wir sehen keine helle Landschaft, keine klaren Formen, keinen offensichtlichen Durchblick. Stattdessen begegnen uns große dunkle Farbflächen, Schwarz- und Tiefblau-Töne, die den Bildraum beherrschen. Das Helle scheint eher verborgen als sichtbar.

Gerade darin liegt möglicherweise der Schlüssel zum Bild.

 

Der erste Eindruck ist von starken Gegensätzen geprägt:

  • Dunkel gegen Hell

  • Verdichtung gegen Öffnung

  • Schwere gegen Leichtigkeit

  • Geschlossenheit gegen Durchlässigkeit

Schauen wir genauer auf die großen schwarzen und dunkelblaue Formgebilde: sie lagern über der Leinwand wie Wolken, Felsformationen oder Schattenräume. Sie sind nicht scharf umrissen, sondern wirken bewegt, teilweise aufgelöst und – eben doch auch durchlässig!

Und zwischen diesen dunklen Zonen treten helle Bereiche hervor:

  • Weißliche Auflichtungen,

  • gelbe und goldene Akzente,

  • vereinzelt türkise und grünliche Partien.

Diese hellen Stellen scheinen sich ihren Weg durch die Dunkelheit zu bahnen.

Unser Blick wandert ständig zwischen Verdunkelung und Öffnung hin und her. Das Bild gibt keinen festen Orientierungspunkt vor, aber es lenkt unsere Aufmerksamkeit auf die Lichtzonen…was ja durch den Titel unterstrichen wird: Heller Durchblick!

Interessant ist, dass der Durchblick nicht dominant erscheint. Das Helle ist keine große Öffnung, sondern eher ein Durchscheinen, ein Aufleuchten.

Man könnte sagen:

Der Durchblick ist hier kein Zustand, sondern ein Vorgang.

Das Licht muss sich seinen Platz erst erkämpfen.

Dadurch erhält das Bild eine existenzielle Dimension. Es spricht nicht nur von einem optischen Erlebnis, sondern möglicherweise auch von einer inneren Erfahrung:

  • Hoffnung in der Bedrängnis,

  • Orientierung im Ungewissen,

  • Licht inmitten von Dunkelheit.

 

An dieser Stelle ein paar Bemerkungen zur Biografie des Künstlers: Alfred Jahnel wurde 1926 im heutigen Tschechien, damals Ostsudeten, geboren. Er gehörte damit zur jener Künstlergeneration, deren Jugend unmittelbar vom Zweiten Weltkrieg überschattet wurde. Noch nicht einmal 20 Jahre alt verlor er kurz vor Kriegsende als Soldat die rechte Hand. Die Familie floh nach Westen und siedelte im Raum Schwäbisch Hall an. Jahnel wurde Lehrer und schloss ein Kunststudium an der Akademie in Stuttgart an – bei den renommierten Vertretern der deutschen Nachkriegsmoderne Willi Baumeister und Manfred Henniger.

28 Jahre lang wirkte er als Kunsterzieher am Gymnasium in Künzelsau. Bei seiner Verabschiedung 1987 in den Ruhestand sprach er über die Schwierigkeit sich als Rechtshänder durch die Kriegsverletzung auf die linke Hand umzustellen und wie er zur Kunst kam. Ich zitiere aus den Mitteilungen des Freundeskreises, die mir ein ehemaliger Kollege – Albrecht Braun – zur Verfügung gestellt hat:

„Ich stellte bald fest, daß die Umstellung (…) vornehmlich eine Sache des Gehirns und der Empfindung ist. Die Schwierigkeit (…) stachelte mich an. (…) In Ulm hatte ich das Glück qualifizierte Volkshochschul-Kurse im Malen und Zeichnen besuchen zu können, lernte wichtige Maler kennen (…). Mein Interesse wuchs, Kunst nicht nur zu konsumieren, sondern auch zu produzieren.

Immer mehr erkannte ich, dass beim Malen und Zeichnen nicht allein eine gewisse Geschicklichkeit wichtig ist, sondern vielmehr das Sehen und Empfinden umzusetzten in die Bildwirklichkeit: „Réaliser“, verwirklichen – wie Cézanne es gesagt hat.“  [Zitatende]

 

An diesem Prozess, dem „Umsetzen in die Bildwirklichkeit“ lässt uns der Künstler teilhaben, indem der Malprozess präsent bleibt – schauen wir auf die vielschichtige Oberfläche des Gemäldes: da sind Pinselspuren, Kratzungen, Überlagerungen, mal ist die Farbe verdichtet, mal aufgehellt, stellenweise bleibt die Leinwand sichtbar.

Dadurch entsteht ein Bildraum, der nicht illusionistisch wirkt, sondern seine Entstehung sichtbar macht.

Man hat fast den Eindruck, als sei das Bild nicht geplant worden, sondern habe sich im Verlauf des Malens entwickelt.

Diese Offenheit des Prozesses gehört zu den wichtigen Errungenschaften der modernen abstrakten Malerei des 20. Jahrhunderts.

 

 

Und diese Errungenschaften rezipierte Jahnel natürlich auf seinem Weg zum Bildenden Künstler: in Werken der 1950er Jahre ist zunächst die Nähe zu Paul Cézanne offensichtlich, dann werden die Bildstrukturen zunehmend informeller, der Maler löst sich vom Motiv, entfernt sich von der traditionellen Bildauffassung.

Was fällt weg?

Es gibt zum Beispiel keine „Komposition“ mehr, bei der Formen und Figuren auf einen Bildgrund gesetzt sind.  An diese Stelle tritt die Geste des Malens.  

Diese Werkentwicklung ist ähnlich bei vielen Künstlern seiner Generation zu entdecken. Sie werden unter dem Label INFORMEL geführt, andere Schlagworte finden sich, wie: LYRISCHE ABSTRAKTION, TACHISMUS und ABSTRAKTER EXPRESSIONISMUS – womit aber nur unzureichend die vielen künstlerischen Konzepte dieser Zeit beschrieben werden können.

Was sie einte, war die Frage:

Wie kann man nach den Erfahrungen von Krieg, Zerstörung und menschlicher Katastrophe überhaupt noch Bilder schaffen?

Für viele lautete die Antwort:

Nicht die äußere Wirklichkeit darstellen, sondern innere Erfahrungen sichtbar machen.

Die abstrakte Kunst wurde zu einer Sprache für Erfahrungen, die sich nicht direkt erzählen lassen.

Entsprechende Impulse empfing Jahnel bestimmt auch an der Stuttgarter Akademie, wo insbesondere Willi Baumeister in Theorie und Praxis vermittelte, dass ein Bild nicht die sichtbare Wirklichkeit abbilden müsse, sondern eigene Wirklichkeiten erschaffen könne – etwa durch Zeichenformen, Farbräumen, spannungsreichen Strukturen.

Auch bei Jahnel finden wir diese Haltung wieder.

Er verbindet eine gewisse Bildordnung mit malerischer Freiheit, er erzählt keine Geschichte, er bildet nichts Konkretes ab und findet gerade dadurch zu emotionaler Ausdruckskraft.

[Künstlerischer Austausch mit Werner Grund + „Farbfeldmalerei“]

Genau diese Qualität schätzte der Maler auch bei den Werken seines Freundes Werner Grund und sagte darüber: [ich zitiere Alfred Jahnel] Egal ob abstrakt oder gegenständlich “die Farbe erfasst alles, wird Gestalt, bleibt dynamisch und die Gewalt des Farbgefüges symbolisiert Kräfte, die HINTER den Dingen liegen können.“  [Zitatende]

Apropos Farbe und kurzer Exkurs weg von diesem Bild:  in einer späteren Phase, etwa ab 1970, wandelte sich das eruptive, gestisch-spontane Arbeiten bei Jahnel hin zu einem eher analytischen Verfahren.

In Bildern, die ich vor Jahren in der Kunstsammlung der Sparkasse Hohenlohekreis gesehen habe, hat er zu einer Art Farbfeldmalerei gefunden, die an Mark Rothko und Josef Albers erinnern: eine ruhigere Form der Abstraktion, konzentriert auf die Form des Quadrats. Sprechende Titel auch hier: Schwarzer Spiegel, Blauer Spiegel und Gelbe Dominanz.  


Kommen wir noch einmal auf dieses Bild hier und die Person des Künstlers zurück:

Alfred Jahnel musste mit dunklen Erfahrungen und Härten leben, auch mit den Spannungen zwischen Lehrerberuf und freiem Künstlertum. In einem Nachruf habe ich auch die Worte Schwermut und Zweifel gelesen.

Vielleicht können wir auch daraufhin das Bild lesen: es ist kein triumphales Lichtbild, vielmehr zeigt es, wie Licht überhaupt er sichtbar wird: durch Widerstände hindurch. So dass die dunklen Massen keine endgültige Bedrohung bilden und sich zwischen ihnen Räume öffnen.

Gerade deshalb wirkt das Bild auch heute noch aktuell. Es spricht von Erfahrungen, die viele Menschen kennen: Orientierung suchen, Dunkelheiten durchqueren und dennoch auf einen Moment der Klarheit vertrauen.

Alfred Jahnels Heller Durchblick ist ein Werk der Nachkriegsmoderne, das die Errungenschaften der abstrakten Malerei aufnimmt und zugleich eine sehr persönliche Bildsprache entwickelt.

Es lebt von seinen Gegensätzen: Dunkelheit und Licht, Verdichtung und Öffnung, Verletzlichkeit und Beharrlichkeit.

Vielleicht besteht seine besondere Qualität darin, dass es keine Antworten gibt, sondern einen Erfahrungsraum eröffnet.

Der helle Durchblick ist nicht vorgegeben – er entsteht erst im Sehen. - Vielen Dank, dass Sie mit mir hingesehen haben!


 
 
 

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